Der Rohrleitungsingenieur - Gefangener des Schweinezyklus - Ingenieurkompetenz als Kernthema des 21. Oldenburger Rohrleitungsforums 2007

28.09.2006

Es gibt sie noch: Berufsbilder, bei denen das Angebot die Nachfrage nicht befriedigen kann. Der Bauingenieur gehört erstaunlicherweise dazu. Insbesondere im Rohrleitungsbau zeichnet sich ein gravierender Mangel an spezialisierten Ingenieuren ab. Dem Institut für Rohrleitungsbau Oldenburg (iro) ist dies Grund genug, die Rolle der Ingenieurkompetenz für Bau, Betrieb und Erhaltung von Rohrleitungsnetzen der Ver- und Entsorgung zum Kernthema des 21. Oldenburger Rohrleitungsforums zu erheben. Die seit Jahren besucherstärkste Fachveranstaltung der Rohrleitungs-Branche findet am 8. und 9. Februar in den Räumen der Fachhochschule OOW in Oldenburg statt. Neben grundsätzlichen Fragen der Ingenieuraus- und Fortbildung und zum Arbeitsmarkt für Rohrleitungs-Ingenieure stehen natürlich auch 2007 wieder die Werkstofftechnik rund ums Rohr und die Baupraxis im Zentrum der über 30 Vortragsblöcke. Über 250 Aussteller aus allen Bereichen der Branche runden das breit gefächerte Vortragsprogramm ab.

Es klingt kaum glaublich, ist aber wahr: Der Bauingenieur, speziell jener, der sich mit Rohrleitungen beschäftigt, steht gewissermaßen auf der "roten Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe". Und das in einem von der Technik abhängigen Land wie Deutschland, das hochgradig von Rohrleitungsnetzen unterschiedlichster Struktur und Funktion abhängt. Der Grund für diese Situation ist ein als "Schweinezyklus" bekanntes Phänomen des Marktverhaltens. Deutsche Fachhochschulen werden sich zwar zu Recht verbitten, mit Sauställen verglichen zu werden. Doch folgen beide bei der Aufzucht von Nachwuchs für ihren jeweiligen Markt dem gleichen Regelungsmechanismus: In Zeiten schwacher Nachfrage sinkt die Produktion von Ferkeln und Diplomanden, was wenige Jahre später zu einem akuten Mangel an Schweinen und Ingenieuren führt. Diese despektierlich klingende Parallele hat fatale praktische Konsequenzen. Auf Deutschland rollt eine stetig anschwellende Bugwelle von Instandhaltungsaufgaben für eine etliche Millionen Kilometer umfassende, inzwischen in die Jahre gekommene unteriridische Infrastruktur zu - und ausgerechnet in dieser kritischen Situation gehen dem Land die einschlägig qualifizierten Fachleute aus. Von weltweitem Bedarf an Rohrleitungs-Ingenieuren gar nicht zu reden.

Paradoxerweise ist der Bauingenieur als Berufsbild letztlich aufgrund eines Wahrnehmungsfehlers in die Gefangenschaft des Schweinezyklus geraten. Jahrelange Hiobsbotschaften über die Lage der Bauindustrie ließen die Attraktivität dieser Branche als Arbeitgeber für qualifizierten Nachwuchs rapide sinken. Obwohl Ingenieure von den Entlassungswellen in der Bauwirtschaft de facto kaum betroffen waren, mied der akademische Nachwuchs die Baubranche zunehmend. Heute, so weiß Professor Thomas Wegener zu berichten, der als Dozent an der Fachhochschule OOW und Leiter des iro auch Gastgeber des Oldenburger Rohrleitungsforums ist, suchen die Unternehmen händeringend Planer, Projektleiter und was immer in der Praxis an Ingenieuren benötigt wird: Er bekomme mindestens einen Anruf wöchentlich, in dem ein Unternehmen so schnell wie möglich einen passenden Absolventen der Fachhochschule suche. Das aktuelle Lamento über die "Generation Praktikum" ist für Bauingenieure derzeit jedenfalls ein Fremdwort. Inzwischen versuchen Unternehmen der Leitungsbau-Branche oft schon Ingenieurdiplomanden zwecks späterer Anstellung an sich zu binden. Ob nun Bachelor, Master oder "herkömmlicher" Diplom-Ingenieur - rund ums Gas-, Wasser- und Kanalrohr ist derzeit jede Form von Ingenieurkompetenz dringend gefragt. Wie diese Kompetenz aussieht, wie sie hergestellt wird, und welche Schwerpunkte im Berufsbild des Bauingenieurs künftig besonders gefragt sind, -das sind Themen vieler Referate und Diskussionen zum Thema. Gerade vor dem Hintergrund der neu strukturierten Ingenieurausbildung mit Bachelor- und Master-Abschlüssen hat der Dialog über diese Thematik besondere Aktualität, denn vielfach weiß auch die Wirtschaft noch nicht recht einzuordnen, was für ein Typus Ingenieur im einen oder anderen Falle da "auf sie zu kommt".

Ingenieure sind jedoch nicht nur wichtigster Diskussionsgegenstand des Oldenburger Rohrleitungsforums, sondern sie werden auch 2007 wieder einen großen Teil des Fachpublikums stellen. Und als solcher finden sie in und um die Fachhochschule natürlich das, was sie besonders interessiert: den aktuellen Stand der Rohrleitungs-Technik sowohl für die Wasser- Gas- und Fernwärme-Versorgung als auch -und nicht zuletzt- für die Abwasser-Entsorgung. Einen wichtigen Forum-Schwerpunkt stellt von je her die aktuelle Betrachtungen der unterschiedlichen Werkstoffe von Beton und Steinzeug über Guss und Stahl bis zu der Vielfalt der Kunststoffe dar. Erstmals ist in diesem Zusammenhang dem Rohrwerkstoff GFK ein eigener Themenblock gewidmet. Im kommenden Februar geht es in Oldenburg  nicht nur um Neuerungen wie PE-Hydranten für die Wasserversorgung, sondern auch im Vorstöße von Kunststoffrohren in neue Dimensionen: Die PE-Großrohrtechnik ist eines der aktuellen Themen. Da ein Großteil der Kunststoffrohrleitungen in Versorgungsnetzen installiert wird, dürfte der systematische Vergleich der Materialanforderungen in Gas- und Wassernetzen auf besonderes Interesse stoßen. Erstmals in Oldenburg wird dem "Ingenieurwerkstoff GFK" ein eigener Vortragsblock gewidmet, wobei es schwerpunktmäßig um die Sanierung mit Hilfe von GFK-Rohren geht: Das Relining von Druckrohrleitungen und Kanalsystemen mit GFK wird ebenso an aktuellen Beispielen illustriert wie die Renovierung von Kreisprofilen mit GFK-Rohren.

Ein Thema, das in dieser konzentrierten Form noch nie Thema auf dem Forum war, ist die Trassenplanung für den Pipeline-Bau. Drei interessante Vorträge beleuchten unterschiedliche Aspekte von der Erfahrung mit Planfeststellungsverfahren über die Berücksichtigung von Umweltaspekten bis hin zu GIS- und Satelliten-gestützten Planungsverfahren. Schon immer spielten dagegen Erfahrungsberichte aus der Baupraxis eine bedeutende Rolle auf dem Oldenburger Rohrleitungsforum. So auch 2007: Nicht nur im großen Vortrags-Doppelblock zum Thema Horizontal Directional Drilling, werden hoch interessante Projekte des modernen grabenlosen Leitungsbaus präsentiert. In einem eigenen Baustellenblock werden interessante Großvorhaben aus dem Trink- und Abwasserbereich vorgestellt.

Der Infrastrukturbestand mit dem bekanntermaßen größten Problempotential sind und bleiben die öffentlichen und privaten Abwassernetze. Ihnen ist deshalb besonders viel Raum gewidmet, wobei sehr interessante Frage gestellt und beantwortet werden, etwa die nach der Detektion und den Konsequenzen undichter Abwasserkanäle. Im übrigen reicht das Themenspektrum wieder einmal von der Planung über den Betrieb bis zur Sanierung von Abwasserkanälen, wobei die aktuelle technische Vielfalt der Sanierungsmöglichkeiten deutlich wird. Ein enorm personal- und kostenintensiver Arbeitsgang ist die regelmäßige Reinigung der Abwassernetze. Welche Standards einzuhalten sind und wie man dies möglichst wirtschaftlich gewährleisten kann, wird unter dem Titel "Projektziel: Sauberer Kanal" diskutiert.

Nach wie vor ein politischer "Aufreger" erster Güte sind die privaten Abwasserleitungen und ihre Instandhaltung. Nicht zum ersten Mal sind sie deshalb Gegenstand der offenen "Diskussion im Cafe", bei der die Moderatoren gerade auf das Reizpotential dieses Themas setzen. Im Kern wird die Frage stehen, was man aus dem aktuellen Scheitern des § 45 der nordrhein-westfälischen Bauordnung für die Umsetzung der bundesweiten Überprüfungspflicht bis zum 31.12.2015 lernen kann und muss. Damit sind organisatorische Aspekte ebenso angesprochen wie die brandaktuelle Frage der Verantwortung der Kommunen dafür, das nur qualifizierte Dienstleister im jeweiligen Gemeindegebiet zum Einsatz kommen. Hitzige Debatten sind absehbar und erwünscht.

Zwei auf dem Rohrleitungsforum bislang selten angesprochene, nichtsdestoweniger sehr aktuelle Themen versprechen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Eineseits erlangt die Frage des Regenwasser-Managements im städtischen Umfeld immer größere Bedeutung. Zum anderen ist die Frage des Grundwasser-Managements ein oft unterschätztes Problem gerade bei großen Leitungsbauvorhaben; mitunter sind die Kosten für die Absenkung, Ableitung und Aufbereitung von Grundwasser fast höher als die eigentliche Baumaßnahme. Ein absolutes Muss für den Praktiker, der sich zu Jahresbeginn fachlich "updaten" will, ist das 21. Oldenburger Rohrleitungsforum allein wegen der Begleitausstellung, die von Zahl und Vollständigkeit der Aussteller her gesehen, keinen Vergleich zu den großen Fachmessen scheuen muss. Ob Rohrhersteller, Leitungsbauer, Sanierer, Ingenieurbüro oder Ausrüstungs-Hersteller- hier stellt fast alles, was Rang und Namen hat, seine Produkte und Dienstleistungen vor - 2007 werden sich wieder weit über 250 Stände in und um die Fachhochschule an der Ofener Straße aneinander drängen.

Seinen Frieden mit dem Schweinezyklus kann der Ingenieur in Oldenburg übrigens auch ganz unmittelbar schließen: Im Rahmen des "Ollnburger Gröönkohlabends" spielt das Schwein traditionsgemäß seine letzte tragende Rolle, die der Rohrleitungsingenieur ihm dankbar und -wie immer wieder zu beobachten- sogar mit einem gewissen Genuss überlässt.

Kontakt:
iro- Institut für Rohrleitungsbau Oldenburg
Frau Ina Kleist
Ofener Straße 26
121 Oldenburg
Tel. 0441 361039-0
Fax 0441 361039-10
E-Mail: kleist@iro-online.de
Internet: http://www.iro-online.de






 

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