Kanalgipfel 2023: Kanalsanierung 2030+ – Herausforderungen und Lösungswege

17.07.2023

Die Entwässerungssysteme unserer Städte sind ein wesentlicher Bestandteil des kommunalen Anlagevermögens. Die große Zukunftsaufgabe, vor der viele Kommunen stehen, besteht in einer fundierten technischen und wirtschaftlichen Bewertung dieser langlebigen Anlagen. Der Kanalgipfel bietet eine Hilfestellung für eine detaillierte und konsistente Wertermittlung unserer Entwässerungssysteme sowie für deren Werterhalt. Dr.-Ing. Christian Falk berichtet im September in Erfurt über Herausforderungen und Lösungswege in der Kanalsanierung ab 2030.

Die Entwicklung der Kanalsanierung in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Seit den 1990er-Jahren, geprägt und vorangetrieben vor allem von Prof. Dr.-Ing. Dietrich Stein an der Ruhr-Universität Bochum, liegt heute ein sehr umfassendes Normen- und Regelwerk, vor allem bei der DWA, Hennef, vor und ein modernes Kanalnetzmanagement ist bei den öffentlichen Kanalnetzbetreibern weitgehend etabliert. Zuletzt konnte zumindest eine weitere Verschlechterung des baulichen Zustandes der Kanalanlagen gestoppt werden; auch eine Verbesserung durch mehr Investitionen war vielfach umgesetzt bzw. aufgrund verbesserter Haushaltslagen der Städte und Gemeinden absehbar.

Aktuell werden die Kanalnetzbetreiber aber mit neuen Herausforderungen konfrontiert, auf die nachstehend eingegangen wird:

Fachkräftemangel

Personal bei Planung, Verwaltung und Facharbeitern steht nicht ausreichend zur Verfügung.

Genehmigungsverfahren

Wie auch in anderen Bereichen in Deutschland werden Genehmigungsprozesse immer weiter verkompliziert statt verschlankt. Der Natur- und Landschaftsschutzschutz wird oft höher bewertet als die Daseinsvorsorge und moderne Abwasserinfrastruktur, die ja ganz wesentlich auch dem Naturschutz dient. Genehmigungsprozess sind oft außerordentlich komplex, ja mitunter schwerlich durchführbar und überaus zeitintensiv.

Gesellschaftliche Akzeptanz

Vielfach erfahren Kanalbaumaßnahmen eine kritische Bewertung der Stakeholder. Baumaßnahmen werden nicht begrüßt und unterstützt und als Beitrag einer funktionierenden Infrastruktur, sondern als störend und unliebsam angesehen.

Klimaveränderung

Immer deutlicher wird die Veränderung des Klimas sichtbar, vor allem durch die Zunahme von Hitzetagen, das Wasserdargebot in den Sommermonaten und die Zunahme von Häufigkeit und Intensität von Starkregenereignissen. Bestandteil von Klimaanpassungsstrategien sind ein Ausbau der naturnahen Niederschlagswasserbewirtschaftung sowie von Hochwasser- und Überflutungsschutz. Hieraus ergeben zusätzliche Investitionsbedarfe zur Veränderung der Siedlungsentwässerung im Sinne einer Stärkung der Klimaresilienz.

Als Folge der angeführten veränderten Herausforderungen ergeben sich eine z. T. drastische Zunahme der Komplexität der Durchführung von Baumaßnahmen hinsichtlich der Genehmigungs- und Beteiligungsprozesse sowie insgesamt eine Erhöhung der Investitionsmaßnahmen zur Erhaltung der vorhandenen Substanz und Veränderung der Siedlungsentwässerung. Zur Umsetzung gilt es aus Sicht des Verfassers zum einen auf eine Stärkung des Stellenwertes der Abwasserbeseitigung als eminenter Bestandteil der Daseinsvorsorge in der Gesellschaft hinzuwirken. Die Förderung des Branchenbildes muss als eine energisch voranzutreibende Gemeinschaftsaufgabe aller Akteure angegangen werden. Außerdem sind eine – wo noch nicht erfolgt – Intensivierung und Professionalisierung des Personalrecruiting sowie Ausbau von Ausbildung und Lehre unerlässlich. Parallel sollte ein Zuzug und die Eingliederung ausländischer Fachkräfte stärker betrieben und gefördert werden.

All dies sind aber - so erfolgreich - Maßnahmen, die nur langfristig zu Veränderungen führen können. Kurzfristig ist es alternativlos, mit den vorhandenen Kapazitäten die dringlichen Maßnahmen anzugehen, d. h. also zu priorisieren. So sind mitunter bekannte notwendige Überflutungsschutz- und Gewässerentflechtungsmaßnahmen zugunsten von Hochwasserschutzmaßnahmen zurückzustellen oder notwendige Kanalrenovierungs- oder -erneuerungsmaßnahmen zeitlich zu verschieben und stattdessen - soweit technisch vertretbar – eine Reparatur der schwereren Schäden vorzunehmen. Zu Priorisierung und Entwicklung entsprechender Maßnahmenpläne können der Einsatz von Zustands- und Substanzprognosemodelle hilfreich sein, wobei dann auch die Maßnahmen zum erforderlichen Umbau der Siedlungsentwässerung zusätzlich zu erforderlichen baulichen und hydraulischen Sanierungen aufzunehmen sind, entsprechend – so vorliegend – der jeweiligen GEPs. Einen Beitrag kann auch die Auslagerung der Planung und Umsetzung von Investitionsmaßnahmen an einen sogenannten Projektträger liefern. Das entsprechende aktuelle Beispiel der Stadtentwässerung Dortmund zeigt, dass hierdurch eine Ausweitung der Investitionen bei Beibehaltung der städtischen Entscheidungshoheit für Umfang und Umsetzungsvariante der jeweiligen Maßnahmen erzielt werden kann. Hinzuweisen ist allerdings, dass dadurch – wie auch durch das Abwerben von Personal zwischen unterschiedlichen Branchenteilnehmern – die Leistungsfähigkeit der Branche insgesamt nicht erhöht wird.

Dr.-Ing. Christian Falk ist Technischer Betriebsleiter des Eigenbetriebes „Stadtentwässerung Dortmund“ und Obmann des DWA-Fachausschusses ES 8 „Sanierung“ sowie Mitglied des DWA Hauptausschusses „Entwässerungssysteme“.

Erfahren Sie mehr zu diesem Thema auf dem Kanalgipfel 2023 im September in Erfurt!

 

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