Abwasserkanäle in Deutschland - Besserung in Sicht?

01.07.2004

Planung, Bemessung und Konstruktion

"Abwasserkanäle in Deutschland - Besserung in Sicht?" lautete die Frage, die eine Expertenrunde auf dem 2. Kölner Presseforum im Großklärwerk Stammheim diskutierte. Der Hintergrund: Ein großer Teil der Abwassernetze in Deutschland bedarf einer dringenden Sanierung oder Erneuerung.

Das hierfür benötigte Geld ist vorhanden, wird aber in zu vielen Fällen benutzt, um Finanzlöcher zu stopfen. Wird dennoch neu gebaut oder saniert, führen wirtschaftlicher Druck oder mangelnde Qualifikation bei Auftragsvergabe, Bauausführung und -überwachung oft zu unbefriedigenden Ergebnissen. Die Zeche für mangelhafte Bauausführung, die daraus resultierenden Nachbesserungen und eine geschädigte Umwelt zahlen wir alle. Außerdem ist die Gefahr groß, dass wir der nachfolgenden Generation ein marodes Kanalnetz hinterlassen, dessen Instandsetzung und Erneuerung nicht mehr zu finanzieren ist. Alle stehen hier in der Verantwortung. Das ist die einhellige Meinung der Fachwelt. Fehlentwicklungen müssen immer wieder aufgezeigt und beim Namen genannt werden. Wichtig ist es auch, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Hierzu will das 2. Kölner Presseforum einen Anstoß geben.

Fehlende Lobby
"Abwasserkanäle in Deutschland sind nach wie vor kein Thema, das in der Öffentlichkeit diskutiert wird", stellte Dr. Gabriele Hahn, Chefredakteurin der Fachzeitschrift bbr Wasser, Kanal & Rohrleitungsbau in ihrem Einführungsvortrag fest. Die Allgemeinheit verfahre nach dem Motto "aus den Augen aus dem Sinn". Auf politischer Ebene seien neue Kindergärten, Kultur- oder Einkaufszentren die lohnenderen Wahlkampfthemen. Hierbei handelt es sich um eine Fehleinschätzung, die uns alle noch teuer zu stehen kommen wird. Das belegte Prof. Dr.-Ing. Rolf Pecher, Vizepräsident der ATV-DVWK, mit imponierenden Zahlen: Es gibt rund 446 000 km öffentliche Abwasserkanäle in Deutschland. Hinzu kommen mehr als eine Million Hausanschlüsse und Grundstücksleitungen. Allein um die vorhandenen Schäden aufzuarbeiten sind mittelfristig etwa 45 Mrd. Euro erforderlich. Der aktuelle Wiederbeschaffungswert der öffentlichen Kanalanlagen liegt bei 330 Mrd. Euro. Bei einer jährlichen 1%-igen Abschreibung müssten die Kommunen 3,3 Mrd. Euro pro Jahr investieren. Davon sind wir weit entfernt. Pecher sprach von einem Werteverzehr und forderte in den nächsten Jahren "eine Verdoppelung des finanziellen Engagements, um den Vermögenswert der Kanalisation nicht zu schmälern."

Die Rechnung geht nicht auf
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Nach wie vor ist ein großer Teil der Schäden auf Fehler beim Neubau oder der Sanierung zurückzuführen. Die Fehler können sowohl bei der Planung, der Bauüberwachung oder der Bauausführung entstanden sein. Hier werden oftmals die Grundlagen für den späteren Sanierungsbedarf gelegt. Für Dipl.-Ing. Ulrich Welter, Geschäftsführer der VUBIC, Verband Unabhängig Beratender Ingenieure und Consultants e.V., "fordert der Markt eine immer höhere Qualität in immer kürzerer Zeit zu immer niedrigeren Preisen - eine Rechnung, die nicht aufgehen kann." Doch wo liegen Lösungsansätze? Würde alles besser, wenn alle Beteiligten alles richtig machen würden? Liegt der Schwarze Peter beim Auftraggeber? Er steht in der Verantwortung bei der Auftragsvergabe. Er muss den Baupartner wählen und legt die Anforderungen fest, die dieser zu erfüllen hat.

Eine Frage der Organisation
Der schlechte Zustand des Kanalnetzes ist letztendlich auch ein Problem der Organisation der Abwasserbetriebe. Harald Schledorn vom Bund der Steuerzahler bezeichnete Regiebetriebe als Auslaufmodell. Mittlerweile stellt der Eigenbetrieb die vorherrschende Organisationsform in der Abwasserentsorgung in Nordrhein-Westfalen dar. Mit Erfolg: Dipl.-Ing. Otto Schaaf, Hauptabteilungsleiter Technik, Stadtentwässerungsbetriebe Köln (AöR), konnte mit positiven Ergebnissen aufwarten. "Durch unsere Organisationsform als Anstalt öffentlichen Rechts stehen die Einnahmen aus Abwassergebühren vollständig zur Deckung unserer Ausgaben zur Verfügung", so Schaaf. Die Mittel werden verantwortungsvoll ausgegeben, um den erforderlichen Qualitätsstandard zu erhalten. Für Dipl.-Ing. Andreas Jessen, Abteilungsleiter Entwässerung, und Dipl.-Ing. Bernhard Ruppert vom Entsorgungs- und Baubetrieb der Stadt Bamberg, ergibt sich die Wirtschaftlichkeit aus der Bewertung von Preis und Langlebigkeit eines Produktes. Diese ist entscheidend abhängig von der Qualität der Bauausführung. Deshalb setzen Jessen und Ruppert bei der Realisierung des "Jahrhundertprojektes Kanalsanierung Bamberg" auf Partner wie die RAL-Gütegemeinschaft Kanalbau. Die bisher gemachten Erfahrungen geben ihnen Recht: Die Qualität der Bauausführung bei Kanalbaumaßnahmen im Stadtgebiet sei deutlich gestiegen, seit in den Ausschreibungen von den Bietern Qualifikationsnachweise gemäß Gütesicherung Kanalbau RAL-GZ 961 gefordert würden.

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