Erfolgreich handeln in veränderten Märkten

11.04.2016

23. Tagung Leitungsbau in Berlin

Vor zwölf Monaten hätte uns noch jeder für verrückt erklärt, wenn wir gesagt hätten, dass Erdkabel die Zukunft sind – heute haben sie per Gesetz Vorrang“: Für die thematische Einleitung zur 23. Tagung Leitungsbau in Berlin hatte rbv-Geschäftsführer Dipl.-Wirtsch.-Ing. Dieter Hesselmann ein Beispiel gewählt, das die Rasanz anschaulich macht, mit der sich Märkte und gesetzliche Rahmenbedingungen für den Leitungsbau wandeln. Der Auftakt gab gleichsam exemplarisch den roten Faden für die zweitägige Veranstaltung vor, die in diesem Jahr unter dem Motto „Erfolgreich handeln in veränderten Märkten“ stand.

rbv-Präsidentin Dipl.-Volksw. Gudrun Lohr-Kapfer nannte in ihrer Eröffnungsrede die Herausforderungen, mit denen sich die Leitungsbauunternehmen in diesem Jahr auseinandersetzen müssen. In den vergangenen fünf Jahren hätten sowohl die Energiewende und der damit verbundene Ausbau der erneuerbaren Energien als auch europäische Einflüsse auf Rahmenbedingungen, Verordnungen und Gesetzgebung maßgeblichen Einfluss ausgeübt – auf den europäischen und den nationalen Binnenmarkt ebenso wie auf die dezentralen Märkte, in denen der Leitungsbau tätig sei.

Faktoren wie etwa die Anreizregulierungsverordnung wirkten sich oft negativ auf die Investitionsbereitschaft von Versorgern und Stadtwerken aus: Um stagnierende oder sogar sinkende Erlöse zu kompensieren, werde an anderer Stelle gespart. Wie muss der Leitungsbau mit dieser Situation umgehen? Wie machen sich die Einflüsse der EU- Kommission auf die Energieversorgung in Deutschland bemerkbar, ist die deutsche Energiewende überhaupt realisierbar? Mit welchen Haftungsrisiken müssen sich Netzdienstleister auseinandersetzen? Wie sehen die Erwartungen aus, die ein modernes Versorgungsunternehmen zukünftig an den Leitungsbau heranträgt?

Hochkarätige Redner aus ganz unterschiedlichen Bereichen trugen dazu bei, diese Fragen im Rahmen einer Veranstaltung zu beantworten, die seit vielen Jahren als Forum für Informationsaustausch gilt und als Impulsgeber, der für die Teilnehmer Mehrwert bringt, um auch in sich ändernden Märkten erfolgreich handeln zu können.

Dialog statt stilles Kämmerlein

„Die Fragen und Aufgabenstellungen sind nicht weniger geworden“, so Lohr-Kapfer, „und sie fordern uns mehr denn je zur Analyse der veränderten Bedingungen und zur aktiven Auseinandersetzung mit ihnen auf“. Eines war der Rednerin dabei besonders wichtig: Die vielseitigen Aufgaben, die den Leitungsbau in Zukunft erwarteten, seien „nicht im stillen Kämmerlein“ zu lösen. „Abgrenzen und ausgrenzen ist der falsche Weg – aufeinander zuzugehen und die offene Auseinandersetzung mit regionalen Akteuren zu suchen eröffnet uns neue Wege, um gemeinsam ressourcenschonende Abläufe zu überdenken und zu überlegen, wie sich Arbeitsinhalte und Tätigkeiten vereinfachen lassen und der Energieeinsatz optimiert werden kann.“

Dabei stehe der Verband seinen Mitgliedern bei Round-Table-Gesprächen zur Seite. Gerade in den letzten vier Jahren sei die Verbandsarbeit stark darauf ausgerichtet gewesen, das „Netzwerk Energiewirtschaft“ auszubauen und den Dialog mit den Partnerverbänden des rbv sowie den großen Energieversorgern zu intensivieren. „Fahren wir fort, uns auseinanderzusetzen und zusammenzusitzen, um aufschlussreiche Gespräche zu führen“, so der Appell, mit dem die rbv-Präsidentin ihr Grußwort beschloss.

Konsum bleibt Stütze der Konjunktur

„Bauwirtschaft 2016 im Spannungsfeld von gesellschaftlichen Herausforderungen und politischen Sachzwängen“: Der Titel, unter den RA Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie e. V. (HDB), seinen Vortrag gestellt hatte, war bewusst mit Blick auf die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen und deren Wahrnehmung gewählt.

„Unser Land steht vor großen Herausforderungen, und viele von uns wünschen sich, dass die erforderlichen Debatten weniger aufgeregt, weniger emotional und mit mehr Rationalismus geführt werden.“ Das jedoch sei immer schwieriger in einer Mediengesellschaft, die sich an Gegensätzen ergötze. Da sei zum Beispiel die Frage danach, ob die öffentliche Wahrnehmung der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen und der Bauwirtschaft im Besonderen der Realität entspreche. Der starke Anstieg der Beschäftigung und der fortgesetzte Rückgang der Arbeitslosigkeit seien ebenso wirtschaftspolitische Erfolge wie die von den öffentlichen Haushalten erwirtschafteten Überschüsse und die hohe Wettbewerbsfähigkeit der Exportunternehmen.

Allerdings ist das Wachstum einseitig konsumgetrieben, und mit Blick auf Investitionen ist Deutschland nach wie vor das Schlusslicht der Industrieländer.“ Die Produktivitätsentwicklung sei schlecht, die hiesige Infrastruktur verfalle trotz der vorhandenen Überschüsse. In der Baubranche, der es 2015 vermeintlich gut gegangen sei, entpuppe sich bei näherem Hinsehen der Wohnungsbau als einziger Wachstumstreiber; generell führe der enorme Preiskampf in der Branche nicht zu zufriedenstellenden Renditen.

Mit einem voraussichtlichen Plus von 1,8 % werde sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum 2016 zwar auf Vorjahresniveau bewegen, die weiterhin schwächelnden Exporte sowie eine mögliche Zinswende der EZB stellten jedoch ebenso nicht zu unterschätzende Risiken dar wie Krisen im internationalen Umfeld, die den Export zusätzlich schwächen könnten. Vor allem aber bleibe „die große Frage, die auch niemand so richtig beantwortet: Wie geht es weiter mit den Flüchtlingen – und wie wird sich deren hohe Zahl auswirken?“

Nach anfänglicher Euphorie sei inzwischen begriffen worden, dass zunächst große Herausforderungen zu bewältigen seien, bevor „vielleicht irgendwann ein Teil der Flüchtlinge“ tatsächlich einen Beitrag für die Sozialsysteme leisten könne, formulierte der Redner vorsichtig. Im Folgenden ging Knipper eingehender auf die mit der Integration von Flüchtlingen verbundenen Herausforderungen und Erfordernisse ein.

Dreh- und Angelpunkt sei die Förderung der Sprachkompetenz; als „völlig unverständlich“ prangerte der Redner die Aufenthaltsregelung bei einer betrieblichen Ausbildung an: „Es kann nicht sein, dass ein Auszubildender lediglich ein Aufenthaltsrecht für ein Jahr hat, das jährlich verlängert wird bzw. werden kann, und jederzeit die Abschiebung droht.“ Grundsätzlich bedürfe die Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive professioneller Strukturen.

Branche wird gebraucht

Zu den Zukunftsaufgaben, derer rbv und HDB sich gemeinsam annehmen müssten, zählte der Redner neben der im Wettbewerb schwer durchzusetzenden Verbesserung der Umsatzrendite sowie der Digitalisierung vor allem die Lösung des Personalbedarfs. Die Branche müsse verstärkt die noch immer verkannte Attraktivität einer Ausbildung im Bau deutlich machen, und neben der klassischen Ausbildung müssten alternative Qualifikationswege eröffnet werden.

Zudem müsse man Zielgruppen ins Auge fassen, die man bislang ggf. vernachlässigt habe – das könnten etwa Studienabbrecher im Bauingenieurwesen sein, die bereits eine Affinität zur Branche hätten und über Vorkenntnisse verfügten, in Frage kämen aber eben auch Flüchtlinge bzw. Asylbewerber mit Bleiberechtsperspektive. Knippers Resümee: Nach wie vor gebe es „fundamentale Schwächen, die angegangen werden müssen, aber unsere Branche wird gebraucht – und wenn wir mit kühlem Kopf agieren, schaffen wir das.“

Asset Management ist eine Generationenfrage

Auf den Zustand der Infrastruktur im Bereich der Wasserversorgung sowie den notwendigen Erneuerungsbedarf ging Prof. Dr.-Ing. Frieder Haakh ein. Praxisnah stellte der Technische Geschäftsführer des Zweckverbandes Landeswasserversorgung, Stuttgart, die Anforderungen dar, die sich mit Blick auf das Asset Management eines Fernwasserversorgers stellen, und warb für das in Stuttgart betriebene Modell. Dreh- und Angelpunkt einer jeden Ist-Analyse sei die Kapazität, die in Spitzenzeiten abgegeben werden müsse.

„Was muss das Wassernetz leisten, welchen Einflüssen unterliegt es?“ – das sei die zentrale Frage, auf die man unter Zuhilfenahme von Planspielen und Simulationen eine Antwort finden müsse. Die wirtschaftlichste Vorgehensweise bestehe darin, rechtzeitig zu investieren – nur so könne sichergestellt werden, dass ein von Vorgängergenerationen übernommenes Gut so nachhaltig gepflegt und instandgehalten werde, dass auch nachfolgende Generationen von einer funktionierenden Versorgungsinfrastruktur ohne Instandhaltungs- und Erneuerungsrückstände profitieren könnten.

Nachhaltiges Asset Management in der Wasserversorgung erstreckt sich in seiner Reichweite über mindestens eine Generation und erfordert robuste, geeignete Werkzeuge sowie eine belastbare Datengrundlage, lautete dementsprechend das Fazit des Redners, der zudem darauf hinwies, „dass die Kommunikation zu den kommunalen Entscheidungsträgern und in die Bürgerschaft ebenso wichtig ist wie die Herleitung der Ergebnisse“.

Mit seiner Bewertung der Bedeutung der Kommunikation befand sich Haakh im Schulterschluss mit Moderator Hesselmann. Bei der Überleitung zum nächsten Vortrag nannte der Geschäftsführer des Rohrleitungsbauverbandes als Beispiel für den hohen Stellenwert des offenen Dialogs zwischen Leitungsbauern und Auftraggebern die im Nachgang zur 22. Tagung Leitungsbau auf den Weg gebrachten Gespräche mit der Thüga AG.

Was, wann, wo, wer?

Was der Leitungsbau bieten müsse, um einen Vertragsabschluss zu erzielen, erläuterte im Anschluss Dipl.-Ing. (FH) Maik Wortmeier, Geschäftsführer e-netz Südhessen GmbH & Co. KG, Darmstadt.

„Was erwartet ein modernes Versorgungsunternehmen von einem Leitungsbauunternehmen?“, lautete die Frage, die Wortmeier als Titel für seinen Vortrag gewählt hatte. Die Antwort: Gefragt sei ein Komplettdienstleister, der mit dem Auftraggeber einen gemeinsamen Weg erarbeite und sich auf dessen Ideen freue. Was, wann, wo, wer – das seien die zentralen Fragen, die sich bei der Vergabe stellten und die bei der Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung in den verschiedenen Bereichen des Unternehmens regelmäßig zugrunde gelegt würden.

Einen hohen Stellenwert hat in der Philosophie des Hauses der Begriff der Verantwortung, hier habe sich in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen – der Grad der Verantwortung, die Partner von e-netz trügen, sei heute deutlich höher als in der Vergangenheit. „Wir haben für den Bereich Rohr eine klare Vorstellung, was wir wie umsetzen wollen und wie die Verantwortlichkeiten gelagert sind“, so Wortmeier, und die Arbeitsverantwortung erstrecke sich von der Genehmigungs- und Ausführungsplanung über Bau und Umsetzung bis zur digitalen Dokumentation. e-netz verstehe den Netzbetrieb „als Dauerzustand und Daueraufgabe“ und richte seine Planung darauf aus, auch auf unvorhergesehene Ereignisse angemessen reagieren zu können.

Entscheidender Faktor sei dabei der Mitarbeiter in seiner Eigenschaft als „verlängerter Arm“ des Netzbetreibers gegenüber Kommunen, Kunden und weiteren Partnern. Sowohl für Netzbetreiber als auch für die ausführenden Unternehmen des Leitungsbaus lohne es sich, über zentrale Fragen nachzudenken: Haben wir digitales Know-how im Unternehmen? Inwieweit müssen wir das Bewusstsein schärfen für die Übernahme von Verantwortung bei Wartung und Inspektion?

Die fachliche wie auch persönliche Ausbildung von Mitarbeitern müsse als strategisches Element begriffen werden, so Wortmeier: „Wir müssen am Qualitätssystem arbeiten.“ Kommunikation und Ziel-Weg-Entwicklungsbereitschaft seien in jedem Unternehmen wichtige Punkte; außerdem gewinne die Kompetenz in Trassierung und Ausführungsplanung zunehmend an Bedeutung. Und auch diese Botschaft war dem Referenten wichtig: „Partnerschaft ist etwas, das gelebt werden muss – der Abschluss fairer Verträge und die Bereitschaft, in einen technischen Dialog einzutreten, gehören unbedingt dazu.“

Deutschland ist LNG-Entwicklungsland

Mit der steigenden Bedeutung von Flüssiggas oder LNG (liquid natural gas) befasste sich der Vortrag von Dr. Dietrich Gerstein, Essen. Weltweit ist derzeit ein Ausbau der Verflüssigungskapazitäten zu beobachten, insbesondere im asiatischen Raum dürften die Kapazitäten bis 2030 deutlich zunehmen.

Auch in Deutschland sieht der Redner neue Marktsegmente für LNG: Die ökologischen, regulatorischen und ökonomischen Rahmenbedingungen seien Treiber für Flüssiggas, zumal LNG sich auch als Ersatz für Dieselkraftstoff eigne – sowohl im Lkw-Schwertransport als auch in der See- und Binnenschifffahrt könne LNG eine umweltfreundlichere Alternative zu herkömmlichen Treibstoffen bieten. Deutschland stehe hier zwar noch sehr am Anfang, aber „LNG als Kraftstoff ist ein Thema, das uns noch sehr beschäftigen wird“, so Gerstein.

Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht

„Ist die deutsche Energiewende realisierbar?“ – die oft gestellte Frage bildete den Titel eines facettenreichen und sehr pointierten Vortrags, mit dem Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Karl Rose, Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship, Uni Graz, Österreich, und Leiter Bereiche Energiepolitik und globale Energieszenarien, World Energy Council, London, für durchaus unterschiedliche Reaktionen im Publikum sorgte.

Es mehren sich die Zeichen für Wandel, aber ob die Reise in die richtige Richtung geht, daran hatte der Redner durchaus Zweifel. Versorgungssicherheit herstellen, die Abhängigkeit von Importen verringern, neue Möglichkeiten für Wachstum und Beschäftigung schaffen – und das alles im Rahmen des Klimaschutzes: Rose verglich diese Ziele mit dem Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau – und die gebe es nun mal nicht. Die Steigerung der Energieeffizienz sei für den Klimaschutz von enormer Bedeutung.

Es gelte unter anderem, den Verbrauch zu senken – Zukunftsszenarien gingen von 80 % bis 2050 aus –, aber ob dieses Ziel bei einer angenommenen Zunahme der Weltbevölkerung um 3,5 Milliarden Menschen zu realisieren sei, das ist für Rose die Gretchenfrage. Auch die Ziele der Bundesregierung bezeichnete Rose als Dilemma, da sie sich teilweise widersprächen.

Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit, der Ausstieg aus der Kernenergie und der Ausbau der erneuerbaren Energien, mit dem man im Wesentlichen versuche, die Wende umzusetzen – das alles sei nicht konsequent durchzuführen. Außerdem richte das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in seiner bestehenden Form mehr Schaden an, als dass es nutze: „Das EEG muss dringend modifiziert werden,“ so Rose.

Nach wie vor unbeantwortet sei auch eine Reihe von Fragen wie etwa die nach dem Umgang mit der Volatilität in der Erzeugung, der sozialen Gerechtigkeit von Energiepreisen und ob man sich Jahrzehnte an Förderungen leisten könne. Wichtige Aspekte wie Wärme und Mobilität würden ebenso vernachlässigt wie Photovoltaik und Wind, die zukünftig 60 % Anteil an der Gesamtenergie haben sollen, derzeit aber erst bei 2 % liegen.

Grundsätzlich, dies gab der Redner zu bedenken, liege die Entscheidung über die Zukunft der globalen Energiewende in Asien. Mit Blick auf Europa sei eine europäische Energieunion gefragt, um mit Herausforderungen besser umgehen zu können. Den Ausbau der vorhandenen Netze, die Schaffung von Speichermöglichkeiten sowie die Aufnahme des Mediums Gas in die zukünftigen Konzepte nannte Rose als weitere essenzielle Grundlagen für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende.

Substanzüberprüfung statt Versicherungsbestätigung

Als „schwer verdaulich“ bezeichnete Joachim Lenoir, Geschäftsführer Büchner Barella Assekuranzmakler GmbH, Herne, das Thema seines Kurzreferats, mit dem die Vortragsreihe des ersten Veranstaltungstages schloss. Mit seinen Ausführungen zu „Haftungsrisiken für Netzdienstleister“ wolle er anhand eines Beispiels aus der Praxis Denkanstöße für den eigenen Alltag geben.

Zunächst erläuterte der Betriebswirt für Versicherungswesen den Begriff der Haftung, im Anschluss ging Lenoir auf einen vor den Oberlandesgerichten Köln und Nürnberg verhandelten Streitfall ein, in dem ein Leitungsbauer nach der Ausführung von Tiefbauarbeiten mit umfangreichen Schadensersatzansprüchen des Auftraggebers konfrontiert wurde.

Sämtliche Instanzen entschieden zugunsten des Auftraggebers, ausschlaggebend war die sogenannte Bearbeitungsschadenklausel im Vertrag – laut Lenoir eine „absolut marktübliche und marktgängige Einschränkung“. Versicherungsbestätigungen vermittelten überwiegend ein völlig trügerisches Rechtssicherheitsgefühl, gab der Rechtsexperte zu bedenken.

Entscheidend sei nicht das Bestehen einer Betriebshaftpflicht-Versicherung, sondern deren Substanz: „Was nützt eine Versicherungssumme in Höhe von zig Millionen, wenn der Ausschluss‚übernommene Sachen’ als vereinbart gilt?“ Sein Rat: „Weg von der klassischen Versicherungsbestätigung, hin zur Substanzüberprüfung – das gilt sowohl für Auftraggeber als auch für die Beauftragung von Nachunternehmern.“

Kreativität setzt sich durch

„Die Entwicklung der Energieversorgung in Deutschland“ stand im Fokus des Vortrags, der den Auftakt des zweiten Veranstaltungstages bildete. Dipl.-Kffr. Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung und Mitglied des Präsidiums Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW), Berlin, gab zunächst einen kurzen Überblick über den Status quo. Ein charakteristisches Merkmal der Energiewende sei die zunehmende Zentralität.

Die Erzeugung von Strom geschehe schwerpunktmäßig im Norden; nach wie vor fehle es an Leitungen, um vorhandene Kapazitäten zu verteilen – von 1.900 km geplanten Höchstspannungsleitungen seien bisher gerade einmal 24 km umgesetzt, so Untersuchungen der Bundesnetzagentur. Müller bewertete das als großen Schritt für Deutschland und kleinen Schritt für die Energiewende. Zudem werde oft mehr produziert, als benötigt wird, gefragt sei daher „ein intelligentes Lastmanagement“. Auch Müller vertrat die Ansicht, das EEG müsse reformiert werden, und forderte einen strukturierten Dialog von Politik und Regionen.

Das Thema Energiewende müsse zudem internationaler gestaltet werden. Das Ausland verstehe zwar den ökologischen Ansatz, aber wenn Begriffe wie „regulieren“ und „subventionieren“ fielen, sei das Thema oft vom Tisch:„Es gibt kein europäisches Verständnis zur Energiepolitik – so deutlich muss man das sagen“, so Müller. Trotzdem gab die Rednerin sich optimistisch.

Auch und gerade für Mittelständler biete die Energiewende Chancen, und dabei gelte nicht das Motto „Der Große schluckt den Kleinen“, sondern durchsetzen werde sich „der Kreative“. Auch in der anschließenden Diskussion wurde die Fokussierung auf die Stromerzeugung als „fundamentaler Fehler der Energiewende“ bezeichnet – die Themen Wärme und Verkehr würden sträflich vernachlässigt, obwohl hier „mit einfachen Maßnahmen vieles umzusetzen“ wäre. Müller wörtlich: „Erdgas ist ein Schlüssel zur Energiewende“.

Flüchtlinge schwer zu integrieren

Über „Rechtliche Rahmenbedingungen für die Integration von Flüchtlingen“ referierte im Anschluss Rechtsanwalt Stefan Brettschneider, Geschäftsführer Tarif- und Sozialpolitik, Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e. V. Bevor Brettschneider sich dem eigentlichen Thema seines Vortrags widmete, ging der Redner zunächst kurz auf Themenfelder der Tarifrunde 2016 ein; auch hier spielte die Flüchtlingsthematik unter dem Stichwort „Mindestlohn Flüchtlinge“ bereits eine Rolle.

Im Anschluss stellte der Redner den Facettenreichtum der Aufgaben dar, die unter dem Schlagwort „Integration“ zusammengefasst sind. Dabei wurde deutlich, dass das Thema Arbeitsmarkt viele Komponenten hat, denen man sich auch rechtlich nähern muss: „Was ist zum Beispiel, wenn ich ausbilde, die betreffende Person aber später abgeschoben wird?“

Das sich auf viele verschiedene Gesetze sowie internationale Grundlagen verteilende Ausländerrecht sei in seiner Vielfalt „auch für Fachleute kaum zu durchdringen“, so Brettschneider. Grundsätzlich seien Flüchtlinge die am schwierigsten in den Arbeitsmarkt zu integrierende Gruppe, zumal es oft an belastbaren Daten über Alter, Schul- und Berufsbildung fehle. Politische Antworten seien hier in erster Linie die Änderungen, die sich durch das seit 2015 geltende Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz ergeben haben.

Weitere Maßnahmen wie der Auskunftsnachweis für Asylsuchende oder ein Gesetzesentwurf zum Datenaustausch sind in Vorbereitung. Als wichtige (Arbeitgeber-)Forderungen nannte Brettschneider vor allem Planungssicherheit für die gesamte Ausbildungsdauer sowie die Öffnung aller Förderinstrumente im Bereich der Berufsbildung.

Umgang mit Bodengutachten

Eines für viele Leitungsbauer relevanten Themas nahm sich Prof. Dr. rer. nat. Frank Bär, BAeR-Agentur für Bodenaushub GmbH, Zwickau, in seinem Vortrag über „Abfall-Boden-Altlasten – Gesetze, Querverbindungen, Alternativen“ an. „Die rechtlichen Bedingungen für den Umgang mit Boden haben sich gravierend geändert“, so Bär. Der Redner stellte abfall- und baugrundtechnische Grundsätze dar und verwies auf die in diesem Zusammenhang wichtige Frage, ob eine Prüfung nach LAGA PN 98 – einer Richtlinie der Länderarbeitsgemeinschaft Abfall für das Vorgehen bei physikalischen, chemischen und biologischen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Verwertung/ Beseitigung von Abfällen – erfolgt sei: „Achten Sie auf den Text in Ausschreibungsunterlagen“.

Fehlerhafte Bodengutachten und fehlerhafte Interpretationen führten zu schlechten Ergebnissen: „Sie müssen Bodengutachten richtig lesen, notfalls müssen Sie das Kataster befragen oder die Meinung eines Fachmanns einholen, bevor Sie mit Material umgehen“, so sein Appell. Der Referent riet zu vollumfänglicher Dokumentation aller Bodenarbeiten, schilderte Beispiele aus der Praxis und wies nachdrücklich auf definitorische („der Begriff ‚Zwischenlager’ ist nicht zu empfehlen!“) und juristische Aspekte hin: „Sobald Material die Baustelle verlässt, wird es strafrechtlich relevant“. Abschließend stellte Bär verschiedene Lösungsansätze vor und zog das Fazit, dass oft gar nicht entsorgt werden müsse.

Schöne neue Arbeitswelt!

Im letzten Vortrag des Tages wagte die Berliner Autorin und Journalistin Dipl.-Volksw. Margaret Heckel einen Ausblick in eine durchaus verheißungsvoll erscheinende Arbeitswelt von morgen: „Aus Erfahrung gut: Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern“ hatte sie ihren Impulsvortrag überschrieben. „Die Kraft der Jüngeren plus die Erfahrung der Älteren – das ist eine sehr gute Kombination“, so Heckel.

In einer alternden Gesellschaft werde der Erfahrungsschatz älterer Menschen zukünftig eine wichtige Rolle spielen; auch die Betriebe müssten sich auf die im Wandel befindliche Zusammensetzung der hiesigen Altersstruktur einstellen. Ansätze seien vorhanden: Die Einführung von betrieblichen Gesundheitslotsen und Personal Trainern, Bewegungspausen und gemeinsamem Training seien ebenso Reaktionen auf den demografischen Wandel wie z. B. Prämien, Chef-Frühstücke, eine lebensphasenorientierte Personalpolitik, altersgemischte Teams und andere strukturelle Veränderungen, die Arbeitgeber auch in den Augen älterer, erfahrener Mitarbeiter attraktiv machen.

Heckel: „Wertschätzung der Mitarbeiter ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer Mitarbeiter spüren lässt, dass er sich um ihr Wohlergehen Gedanken macht, bindet sie an sein Unternehmen und verhindert, dass Mitarbeiter sich in die innere Isolation begeben oder den Betrieb verlassen. Alter entstehe im Kopf: „Wir leben länger und gesünder als je zuvor – und wir werden dabei glücklicher sein als in der Jugend“, so die These der Rednerin. Ältere würden am Arbeitsplatz gebraucht, und Firmen würden immer mehr interessante Angebote entwickeln: „Unsere Kinder und Enkel werden 100 Jahre leben – wir müssen jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen.“

„Wir lassen nicht locker!“

Das Schlusswort war traditionsgemäß der rbv-Präsidentin vorbehalten. In ihrem Resümee lobte Lohr-Kapfer die 23. Tagung Rohrleitungsbau als interessante, aufschlussreiche Veranstaltung mit informativen und „teils auch regelrecht erhellenden“ Vorträgen, die gezeigt habe, dass der Verband „lebendiger denn je“ sei und „enormes Potenzial“ berge. Der Ansatz, zu Beginn des Geschäftsjahres mit Fachvorträgen neue Impulse zu setzen, sei goldrichtig. Noch wichtiger aber sei ihr der Aspekt, Meinungen und Informationen aus dem Netzwerk des rbv mit anderen Verbänden und der Wirtschaft abzubilden. Das zurückliegende Jahr sei turbulent gewesen – nicht zuletzt aufgrund der Flüchtlings-Thematik, „die in ihrer Dimension auch jetzt noch schwer zu fassen“ sei.

Ein anderes Thema hingegen sei seit Jahr und Tag ein steter Begleiter: „Das Generationenprojekt ‚Energiewende’ hat die Vorträge der Tagungen Leitungsbau in den letzten Jahren regelmäßig geprägt und beeinflusst.“ Wie auch andere Megatrends erfordere die digitale Transformation in der Energiewirtschaft eine ganzheitliche Betrachtungsweise. Der Themenkomplex der Energieerzeugung und -verteilung sei nicht nur von zentraler Stelle zu betrachten, sondern auch dezentral von der jeweiligen Region: Wie beeinflussen sich zentrale und dezentrale Technologien gegenseitig – welche Auswirkungen haben diese auf die bisherigen Strom-, Gas- und Verteilernetze? Für Versorgungsunternehmen seien dies enorm wichtige Fragen. „Eine lineare Logik wird da oft nicht weiterhelfen. Vielmehr gilt es, die Einflussgrößen aller Einflussfaktoren bestmöglich zu berücksichtigen, um nicht mit der Lösung eines Problems zwei weitere zu schaffen.“

Genau das habe man in den vergangenen Jahren immer wieder erleben können, und hier sei „eine Lernaufgabe zu meistern, die uns langfristig gesehen deutlich nach vorn bringen wird.“ Wer hingegen als Akteur im „Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel der Energiewirtschaft“ glaube, ein kurzer Blick in die Kristallkugel beantworte die drängenden Fragen, werde scheitern: „Halbherziges Durchlavieren wird nicht klappen“, so Lohr-Kapfer wörtlich.

Neue Aufgabenstellungen seitens der Auftraggeber sowie Änderungen in technischen und betriebswirtschaftlichen Abläufen forderten jedes einzelne Leitungsbauunternehmen dazu heraus, für sich eine Antwort auf die Frage nach organisatorischer und strategischer Neuorientierung zu finden. „Mir ist es an dieser Stelle ganz wichtig zu betonen: Wir als Verband sehen uns hier in der Pflicht, als Partner unserer Mitglieder bestmöglich Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen.“

Intensiver Dialog mit Versorgungsunternehmen, frühzeitige Informationen über für die Branche relevante Veränderungen sowie die enge Zusammenarbeit mit anderen Verbänden seien dafür die Grundlage. Lohr-Kapfer: „Wir lassen nicht locker dabei, Meinungen gezielt zu bündeln, um Weichenstellungen für Sie, unsere Mitglieder, vorzuschlagen.“

Die Veränderungen erfolgreich zu meistern, welche die Unternehmen des Leitungsbaus und die gesamte Energiewirtschaft beträfen, sei oft leichter gesagt als getan, und vor dem rbv und seinen Mitgliedern lägen große Herausforderungen und zahlreiche Unwägbarkeiten. „Da kann schon mal Magendrücken aufkommen“, gab Lohr-Kapfer zu, „aber dem sollten wir mit Mut, Akribie und langem Atem begegnen“ – so ließen sich auch zunächst nicht realisierbar erscheinende Projekte zum guten Schluss erfolgreich in die Tat umsetzen.

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Rohrleitungsbauverband e. V.

Dipl.-Ing. Martina Buschmann

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