Heute „plus 25“: Weniger Rohr, mehr Leitung

11.03.2011

Planung, Bemessung und Konstruktion » Leitungsnetze

Oldenburger Rohrleitungsforum 2011 diskutierte die Zukunft der unterirdischen Infrastruktur

Seit 24 Jahren erlebt der Besucher des Oldenburger Rohrleitungsforum die gleiche Überraschung. Im Vorjahr dort weggefahren mit dem Eindruck: „mehr geht nicht“, lernt man dann: es geht doch! Fast unglaubliche 3000 Teilnehmer sowie 330 Unternehmen auf 319 Ausstellungsständen drängelten sich auf Einladung des Instituts für Rohrleitungsbau Oldenburg (iro) am 10./11. Februar 2011 in den Räumen und temporären Anbauten der Jade Hochschule in Oldenburg. Sie informierten sich über die absehbaren Megatrends der Infrastrukturentwicklung ebenso wie über die aktuellen technischen Entwicklungen rund um Bau, Betrieb und Sanierung von Rohrleitungs-Infrastrukturen der Ver- und Entsorgung.
 
Was wird in 25 Jahren sein? lautete die schwer wiegende Frage, die als Motto über all dem stand, und auf die es etliche, teils überraschende Antworten gab. Dass die real existierende Stadtentwässerung in der Zange zwischen Bevölkerungsrückgang und Klimawandel vielerorts technische und ökonomische Probleme haben wird, bestehende Entwässerungskonzepte einfach fortzuschreiben, war da noch eher weniger überraschend. Aber immerhin: Die Einsicht, dass der Umgang mit Niederschlagswasser nach Aussage von Dipl.-Ing. Christian Günner (Hamburg Wasser) künftig keineswegs mit der pauschalen Antwort „Mehr Rohr!“ zu lösen ist, sondern neue Denkmodelle erfordert, ließ einen Moment innehalten. In 25 Jahren wird Stadtentwässerung -zwangsläufig- mehr sein als ein technisches Anhängsel der Stadtentwicklung. Stadtentwässerung wird quasi eine Herzensangelegenheit der Stadtplanung werden müssen, damit die Stadtentwässerung Flächen zurückbekommt, die früher einmal dem Wasser im Stadtbild vorbehalten waren, in den letzten Jahrzehnten aber systematisch von anderen Nutzungen okkupiert wurden. In Hamburg kann man hierbei bereits erste Erfolge verbuchen. Bis zur breiten Einsicht der Stadtentwickler in diese Notwendigkeit sei es allerdings noch ein langer, steiniger Weg, so Christian Günner anlässlich des Oldenburger Pressegesprächs 2011.
 
Weit stärker einschneidende Veränderungen stehen jedoch in der Rohrleitungsgebundenen Energieversorgung an, wie EWE-Vorstandvorsitzender Dr. Werner Brinker in seinem Eröffnungsvortrag zum Rohrleitungsforum erläuterte. Diese resultieren seiner Ansicht nach sogar weniger aus der demografischen Entwicklung, die den Versorgern gleichwohl natürlich gewisse Sorgen bereitet. Die Demografie wird jedoch in den kommenden Jahrzehnten massiv überlagert durch Umbrüche in Umfang und Struktur der Energieversorgung. Wenn das politische Ziel einer Reduzierung der CO2-Emissione um 95% in hier zu Lande bis 2050 realisiert würde, so dürfte dies die Gas- und Fernwärmenetze langfristig in die Bedeutungslosigkeit verdrängen. Denn die regenerativen Energieträger, die im Wesentlichen die Rolle der fossilen Brennstoffe einnehmen sollen –Wind, Photovoltaik und Wasserkraft- produzieren sämtlich Strom. EWE-Vorstand Brinker prognostizierte neben einer Renaissance von Strom als Heizwärme (Stichwort: Speicherheizung) vor allem einen Boom in der Steuer- und Regeltechnik im Sinne des „intelligenten Hauses“; danach kommt der Strom zwar auch künftig aus der Steckdose, die Energieeinsparung aber quasi „übers Internet“. Somit wird künftig Stromnetzen ebenso wie Datennetzen eine weitaus stärkere Bedeutung zukommen, während die flächigen Gasversorgungsnetze tendenziell ein Auslaufmodell sind – wie auch die Fernwärme-Infrastruktur. Experten der PROGNOS AG, Berlin rechnen an dieser Stelle deshalb mit deutlicher Investitionszurückhaltung – eine Botschaft, die wahrlich nicht jeder in Oldenburg mit Begeisterung aufgenommen haben dürfte.
 
Im Jahre 2011 „plus 25“ wird dennoch das Rohr keine aussterbende Spezies sein. Die Erfordernisse und das Nutzerverhalten werden sich zweifellos verschoben haben, dass jedoch das Rohr als Technologie generell verdrängt werden könnte, daran glaubt niemand: Zu groß ist das Spektrum seiner Anwendungsmöglichkeiten.

Kontakt

Institut für Rohrleitungsbau Oldenburg (iro)

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