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Neuer KRV-Geschäftsführer im Interview --- Stellungnahme zum aktuellen Rohstoffmarkt

08.06.2021

„Wir werden auf Bewährtem aufbauen und neue Netzwerke knüpfen!“ --- Gesamte Wertschöpfungskette der Kunststoffrohr-Industrie steht unter starkem Druck

Zum Beginn des neuen Jahres hat Markus Hartmann die Geschäftsführung des Kunststoffrohrverbandes e.V. (KRV), Bonn, übernommen. Im Gespräch äußert sich der diplomierte Chemie-Ingenieur und Betriebswirt über die vielfältigen Aufgabenstellungen des Verbandes im Kontext eines nachhaltigen Netzmanagements, innovationsorientierter Bauteil- und Werkstofflösungen sowie der technisch wissenschaftlichen Grundlagenarbeit. Den Wandel adressieren auf Basis des Bewährten, so eine wesentliche Weichenstellung des neuen Mannes am Ruder des KRV.

Herr Hartmann, die Mitgliedsunternehmen des KRV stellen dem Markt eine Fülle leistungsfähiger Werkstoff- und Systemlösungen für eine zuverlässige Ver- und Entsorgung zur Verfügung. Sie haben sich für eine hoch interessante neue berufliche Herausforderung entschieden.

Markus Hartmann: Ja, absolut. Die neue Position als KRV-Geschäftsführer birgt viele Gestaltungsspielräume – sowohl brancheninterner technischer Natur als auch im Sinne der Weiterentwicklung gesamtgesellschaftlich relevanter, nachhaltiger Infrastrukturlösungen. Dies eröffnet mir die spannende Möglichkeit, meine vielfältigen Interessen miteinander zu vereinen. Zum einen setze ich mich als Ingenieur schon seit langen Jahren mit allen relevanten technischen Aspekten von Kunststoff und Halbzeugen auseinander. Zudem gehörten Marketing und Vertrieb immer schon zu meinen beruflichen Aufgaben. Und durch meine ehrenamtlichen Aktivitäten fühle ich mich auch auf politischem Parkett durchaus heimisch. Das ist deshalb für die neue Aufgabe nicht uninteressant, da Kunststoffe derzeit in Politik und Öffentlichkeit vielfach mit starkem Gegenwind konfrontiert sind.

Vor diesem Hintergrund sehe es nicht zuletzt als meine Aufgabe an, eine angemessene differenzierte Sichtweise in der Öffentlichkeit herzustellen, die der besonderen Rolle der Kunststoffrohre und deren Leistungsfähigkeit gerecht wird. Die Kunststoffrohr-Industrie und die im KRV organisierten Unternehmen zeichnen sich durch eine Vielzahl leistungsfähiger und nachhaltiger Werkstoff-, Rohr- und Bauteillösungen aus. Diese Systeme bilden eine signifikante Basis einer auch für kommende Generationen verlässlichen Ver- und Entsorgungssicherheit hierzulande. Dies gilt es auch in der öffentlichen Wahrnehmung erkennbar zu machen.

Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit sind also Themen, auf die Sie einen kommunikativen Fokus richten möchten?

Markus Hartmann: Ja. Viele PE-Leitungen befinden sich bereits seit rund 45 Jahren im Einsatz. Auf Grundlage valider Integritätsuntersuchungen lassen sich für Kunststoffrohre und Formteile aber Nutzungsdauern von bis zu 100 Jahren und länger erwarten. Wir sprechen hier also über sehr langlebige und nachhaltige Baulösungen, die in keiner Verbindung mit der aktuellen Diskussion um Einwegplastik und der damit verbundenen Umweltgefährdung stehen. Vielmehr leistet unsere Branche einen wesentlichen Beitrag, den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen gerecht zu werden. Bei einer Vielzahl dieser 17 globalen Ziele für eine bessere Zukunft sehen wir große inhaltliche Schnittmengen mit den Grundsätzen der Kunststoffrohr-Industrie.

Deshalb möchten wir diese Ziele auch zunehmend für die Arbeit des KRV zur Richtschnur machen. Hierzu haben wir bereits eine neue Arbeitsgruppe eingesetzt, in der sich auch unsere Mitgliedsunternehmen intensiv engagieren werden. Als Verband möchten wir eine Klammer bilden und das an Nachhaltigkeit und Verantwortungsbewusstsein orientierte unternehmerische Handeln unserer Mitglieder intensiver kommunizieren.

Was bedeutet nachhaltiges Handeln ganz konkret für die Produktentwicklung?

Markus Hartmann: Ein wichtiges Thema, über das wir uns auch intensiv mit der TEPPFA, also dem europäischen Verband, austauschen, ist das Thema Ökodesign. Dieser zunehmend an Relevanz gewinnende Themenkomplex referiert darauf, dass Produkte auch ökologisch innovativ sind und infolge ihres verbesserten Designs über ihren gesamten Lebenszyklus Umweltbelastungen vermindern. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei die Recycling-Fähigkeit von Produkten. Dies bedeutet für unsere Produkte, dass wir uns sehr intensiv über eine Erhöhung des Rezyklat-Anteils Gedanken machen werden. Und mit Rezyklaten meine ich nicht das im Produktionsprozess anfallende Umlaufmaterial, das dem laufenden Fertigungsprozess wieder zugeführt wird. Dies bedeutet, dass wir unsere schon existierenden Aktivitäten mit unseren Mitgliedern und Partnern noch weiter intensivieren und ausbauen.

Derzeit ist die Verfügbarkeit dieser Rezyklate nicht sehr hoch. Von daher arbeiten wir gemeinsam mit der TEPPFA daran, konkrete Ziele eines zukünftig einzusetzenden Rezyklat-Anteils zu definieren und diesen Anteil sukzessive und signifikant zu erhöhen. Eine wichtige Maßnahme dabei wird es sein, auch auf Entsorgungsbetriebe zuzugehen, die sich mit dem Thema Kunststoffrecycling auseinandersetzen, um weitere Strategien – gemeinsam – zu entwickeln und umzusetzen.

Sind Produkte mit einem höheren Rezyklat-Anteil qualitativ gleichwertig?

Markus Hartmann: Ja, aber die Wahrnehmung ist in vielen Fällen eine andere. Hier sehe ich es als eine Aufgabe meiner neuen Position an, eine technisch valide, differenzierte Sichtweise zu kommunizieren. Denn Produkte mit Rezyklat-Anteil werden manchmal als eine Art 1b-Qualität angesehen. Bei drucklosen Anwendungen, das ist normativ in vielen Fällen geregelt, werden Rezyklate schon eingesetzt. Hier müssen wir perspektivisch gemeinsam mit allen Partnern in der Wertschöpfungskette auf eine noch breitere Anwendung hinarbeiten. Für Druckrohre hingegen ist der Einsatz von Rezyklaten normativ nicht vorgesehen. Hier gilt es, Standards, Normen und Regelwerke weiter zu entwickeln.

Denn die Skepsis gegenüber Rezyklaten ist allein historisch in der Tatsache begründet, dass in der Vergangenheit kein qualitativ hochwertiges Material in ausreichendem Maße verfügbar war. In der Zwischenzeit sind aber eine Vielzahl von Innovationen umgesetzt worden. Gerade von öffentlichen Auftraggebern wünschen wir uns deshalb auch eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber solch nachhaltigen Ansätzen.

Sie erwähnten die Kooperation mit der TEPPFA. Wie eng werden Sie auch bei anderen Themenstellungen zukünftig zusammenarbeiten?

Markus Hartmann: Wir möchten das Verhältnis zur TEPPFA auch weiterhin sehr eng gestalten. Die gemeinsamen Themen, die wir im Schulterschluss bespielen möchten, sind bereits identifiziert. Für mich geht es hierbei selbstverständlich darum, nicht nur auf nationaler, sondern gleichermaßen auf europäischer Ebene effizient zu agieren und die Interessen unserer Mitgliedsunternehmen optimal zu vertreten. Somit ist es für meine Kollegen beim KRV und mich äußerst wichtig, uns auch in internationale Arbeitskreise intensiv einzubringen.

 

KRV-Stellungnahme zum aktuellen Rohstoffmarkt

Alle Partner der Wertschöpfungskette der Kunststoffrohr-Industrie - an deren Ende die Hersteller von Kunststoffrohren, -bauteilen und –fittingen stehen - sehen sich aktuell mit extremen Herausforderungen konfrontiert. Neben einer stark eingeschränkten Verfügbarbarkeit von Rohstoffen und Rohrwerkstoffen für alle Partner, sind auch signifikante Preissteigerungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu beobachten. Dies betrifft alle Stufen der Wertschöpfung für Kunststoffrohre aus den Werkstoffen PE, PP und PVC.

Der Kunststoffrohrverband e.V. (KRV) stellt fest, dass extreme Herausforderungen in allen Bereichen der Lieferkette bestehen. Zwar arbeiten alle Beteiligten unter Hochdruck daran, die sich daraus ergebenen Risiken für ihre Kunden zu minimieren, weisen aber auch auf den erheblichen wirtschaftlichen Druck hin, der die gesamte Branche belastet.

Die Kunststoffrohr-Industrie blickt daher mit großer Besorgnis auf die drohenden Rohstoffengpässe und die Vielzahl von Force Majeure Meldungen, die Rohstoffhersteller in den letzten Wochen für PP, PE und PVC ausgerufen haben.

Hintergrund

Die Gründe für die aktuell so angespannte Lage der Kunststoffverarbeiter sind vielfältig und vielschichtig zugleich: Die Covid-19-Pandemie führte weltweit zu einem Ungleichgewicht bei Angebot und Nachfrage von Kunststoffprodukten. Dieses resultiert vornehmlich daraus, dass Asien, speziell China, bereits in der zweiten Jahreshälfte 2020 auf den Wachstumspfad zurückgekehrt ist und die Nachfrage nach Rohstoffen dort entsprechend früher als in Europa oder den USA gestiegen ist. Dies hatte nicht nur einen erheblichen Abfluss von Rohstoffen in den asiatischen Raum zur Folge, sondern führte zudem zu einem sehr starken Anstieg der Fracht- und Logistikkosten, die die Branche nach wie vor belasten.

Verschärft wurde die Situation Anfang des Jahres durch massive Anlagenausfälle auf Seiten der Rohstoffhersteller infolge des Wintereinbruchs in weiten Teilen der USA, die eine schwere Belastungsprobe für die ohnehin angespannten Lieferketten darstellten und bis heute die Belieferung europäischer Kunden mit Produkten aus den USA nachhaltig beeinträchtigen.

Weiteren Druck auf die Verfügbarkeit von Rohstoffen bringen zudem die geplanten, technisch erforderlichen oder regulatorisch vorgeschriebenen Wartungsarbeiten in europäischen Anlagen sowie die Force-Majeure-Meldungen zahlreicher Kunststoff-Hersteller, die Produktionsausfälle in erheblichem Ausmaß befürchten lassen.

Ursachen der Preissteigerungen in der Kunststoffrohr-Industrie

Die Ursachen der Preissteigerungen im Bereich der Kunststoffrohr-Industrie sind daher nicht monokausal zu begründen, sondern das Ergebnis mehrerer, zusammenwirkender Aspekte, die sich in ihrer Gesamtschau wie folgt darstellen:

Rohstoffe/Ausgangsstoffe (Naphtha)

Ein entscheidender Faktor ist die Preissteigerung im Bereich der Ausgangsstoffe. Durch die Prozesse in den Raffinerien werden Produkte wie Ottokraftstoff, Dieselkraftstoff, Heizöl oder Kerosin gewonnen. Parallel fallen für die chemische Industrie Rohstoffe wie Flüssiggas, Naphtha und Mitteldestillat an. Da der Bedarf an Automobil-Kraftstoffen und Kerosin in den letzten Monaten u. a. aufgrund der Corona-Krise gesunken ist, haben sich auch die Produktionsmengen für Naphtha (als Rohstoff für die Kunststoffproduktion) nach unten entwickelt, was eine Preissteigerung zur Folge hatte.

Zwischenprodukte (Monomere)

Aufgrund der Preissteigerungen bei den petrochemischen Ausgangsstoffen/Rohstoffen (Naphtha) für die Kunststoffherstellung sind auch beispielsweise die Kosten für Ethylen, dem Zwischenprodukt für Polyethylen und Polyvinylchlorid, sowie für Propylen, dem Zwischenprodukt für Polypropylen, entsprechend gestiegen. Im ersten Quartal 2021 sogar im zweistelligen Prozentbereich.

Rohrwerkstoffe (Polymere)

Infolge der Preiserhöhungen bei den Rohstoffen und Zwischenprodukten sind im ersten Quartal 2021 auch die Preise für Rohr-Kunststoffe in Europa durchweg stark gestiegen. Dies gilt neben PE, PP und PVC auch für andere Rohrwerkstoffe.

Einsatz von Rezyklaten

Da ein Ausweichen auf Recyclingmaterialien für Kunststoffrohranwendungen nur begrenzt möglich ist, können die Preissteigerungen auch nicht durch das Ausweichen auf Alternativmaterialien wie Rezyklaten abgefedert werden. Denn für viele sicherheitsrelevante Druckanwendungen verhindern gesetzliche Sicherheitsvorschriften, technische Regelwerke und hohe Qualitätsanforderungen derzeit einen breiteren Einsatz von Rezyklaten. Auch sind Rezyklate vielfach noch nicht in ausreichenden Mengen in gleichbleibender Qualität verfügbar. Dies hat zur Folge, dass die Preissteigerungen die Kunststoffrohr-Industrie stark treffen.

Logistik

Hinzukommt, dass der Einbruch des Welthandels zu Beginn der Covid-19-Pandemie und die im 4. Quartal 2020 sprunghaft wieder angestiegene Nachfrage zu teils chaotischen Situationen im Frachtgeschäft geführt haben: Vielfach fehlt es an Containern, die infolge der Pandemie in den falschen Häfen gestrandet sind. Das knappe Angebot und die starke Nachfrage nach Frachtkapazitäten haben beispielsweise die Containerpreise auf der Strecke Asien-Europa seit Ende 2020 um mehr als 400 % ansteigen lassen. Importe von Rohstoffen oder Rohrsystemen können die Produktionsausfälle in Europa nicht ausgleichen.

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