Rekordbesuch am Bodensee. 20. Lindauer Seminar "Praktische Kanalisationstechnik"

04.04.2007

Mit 465 Fachbesuchern übertraf das 20. Lindauer Seminar "Praktische Kanalisationstechnik" zu dem am 1. und 2. März 2007 die JT-elektronik gmbh in die Lindauer Inselhalle geladen hatte, den bisherigen Rekord aus dem Jahre 2000 noch einmal. Die am Bodensee versammelten Fachleute wurden mit einem hoch aktuellen Vortragsprogramm quer durch die Praxis der Kanalinstandhaltung belohnt.

Prof. Max Dohmann, Aachen, der das Publikum gemeinsam mit Prof. Wolfgang Günthert, München, durch die beiden Veranstaltungstage geleitete, fasste in seinem Eröffnungsvortrag 20 Jahre Lindauer Seminar in prägnanten Zahlen zusammen. Begonnen hat die Traditionsveranstaltung 1989 mit 94 Besuchern; während im ersten Jahrzehnt rund 246 Gäste jährlich nach Lindau kamen, wollten sich von 1998 bis 2007 im Schnitt bereits 387 Experten am Bodensee über die neuesten Entwicklungen im Kanalbetrieb informieren. Insgesamt haben in 20 Jahren "Lindauer Seminar" 6331 Kanalexperten den Weg an den Bodensee gefunden.

Bei den inhaltlichen Schwerpunktthemen der Veranstaltung hat die Kanalsanierung mit 17 Nennungen die Nase vor der Kanalinspektion mit 13 Themenschwerpunkten. Auf dem dritten Rang folgt die Grundstücksentwässerung, die auch 2007 ein Kernthema der Veranstaltung war. Dohmann machte auch die wirtschaftlichen Größenordnungen deutlich, um die es in der deutschen Abwasserwirtschaft geht: Jährlich 3,5 Milliarden Euro stehen von 2006 bis 2015 zur Investition in öffentlichen Abwassersystemen an, davon 700 Mio. Euro im Neubau von Kanälen und 1,6 Mrd. Euro in der Kanalsanierung. Nur wenig günstiger wird künftig die Abwasserbeseitigung im privaten Raum. Von bundesweit 1,5 Mrd. Euro, die künftig jährlich auf Privatgrundstücken investiert werden müssen, werden 700 Millionen in Sanierung und Erneuerung von Grundstücksentwässerungsleitungen fließen müssen.

Was derartige Zahlen auf der Ebene eines Bundeslandes bedeuten, machte Dipl.-Ing. Hardy Loy (Bayerisches Landesamt für Umwelt) für Bayern deutlich: Im Freistaat ist allein im öffentlichen Raum ein kurz- und mittelfristig abzuarbeitender Kanalsanierungs-Nachholbedarf von 17.000 Kilometern aufgelaufen; diesen zu beheben, würde rund 7 Mrd. Euro kosten. Hinzu kommen aber jährliche -alterungsbedingte- Sanierungsnotwendigkeiten in Höhe von 500 Millionen.  Ausdrücklich wies Loy darauf hin, dass seit 1991 die bayerische Muster-Entwässerungssatzung die Instandhaltungspflicht für privaten Grundstücksewntwässerungsanlagen beinhalte und dass die Kommunen verpflichtet seien, die Inhalte dieser Satzung auch umzusetzen, indem sie Prüfungen und Sanierungen von den Eigentümern einfordern.

Dass es mit dem Einfordern in mancher Hinsicht nicht mehr ganz so einfach ist, erläuterte Dipl.-Ing. Ulrich Winkler, Lemgo, der das Publikum mit zwei bemerkenswerten Urteilen des OVG Nordrhein Westfalen ( Az. 15 A 4247/03 bzw. 15 A 4254/03 ) konfrontierte. In beiden ging es um die Frage, ob Gemeinden die Grundstückseigentümer grundsätzlich zwingen können, auf dem Grundstück einen Kontrollschacht zu errichten. Während das OVG Lüneburg dies 1998 noch prinzipiell bejaht hatte, entschied das OVG NRW im vergangenen Jahr völlig anders. Ein brisanter Aspekt des Urteils ist, dass es den Kommunen jeden pauschalen Verweis auf technische Normen in der Abwassersatzung untersagt: Diese sind rechtlich unwirksam, da die Verfügbarkeit des technischen Regelwerks für den Grundstückseigentümer nicht sichergestellt ist. Dass die Gemeinden ihren Bürgern technische Normen, die sie betreffen, künftig konkret verfügbar machen müssen, ist nur eine Minimalfolgerung aus diesem Urteil. Provokant stellte Winkler die Frage in den Raum, welche Bedeutung eigentlich künftig die Betreiberpflichten nach § 18 b WHG noch hätten, wenn ein Grundstückseigentümer, dem OVG-Urteil folgend, die dort angesprochenen allgemein anerkannten Regeln der Technik von Rechts wegen offiziell nicht mehr zu kennen brauche. Grundsätzlich, so seine Schlußfolgerung, resultiere aus dem Urteil eine Verpflichtung der Kommunen zu intensiver, ins technische Detail gehender Information rund um die Grundstücksentwässerung: "Irgendjemand muß dem ahnungslosen Grundstückseigentümer seine rechtlichen Pflichten ins Deutsche übersetzen, und dieser Jemand kann nur die Kommune sein!" In wie weit ein Ingenieurbüro in die Sanierungsstrategie um Grundstücksanlagen eingebunden werden sollte, darüber berichtete sehr informativ Dipl.-Ing. Christoph Pöllmann, Frankfurt.

Sehr ausführlich wurde in Lindau diesmal die Kanalreinigung behandelt. Die Erfahrungen in Stuttgart sowie in der Stadt Frankfurt mit der Reinigungsstrategie in ihrem 1600 Kilometer langen Abwassernetz stießen auf ebenso großes Interesse wie die Präsentation von Forschungsergebnissen des IKT Instituts für Unterirdische Infrastruktur zur Materialbeanspruchung durch unterschiedliche Techniken und Systeme der Kanalreinigung.

Dr. Bert Bosseler vom IKT erläuterte neueste Forschungsresultate und verband seine Ausführungen mit praktischen Empfehlungen zur Hochdruckreinigung von Abwasserkanälen: Schon in der Reinigungsplanung sollten gering belastbare oder vorgeschädigte Kanalhaltungen klar kenntlich gemacht und entsprechend behandelt werden. Außerdem sollte die Auswahl der Düsen am konkreten Reinigungsziel orientiert werden. Auch Sorgfalt beim Einlassen der Düsen und eine präzise Kontrolle der Düsengeschwindigkeit seien einfach zu handhabende Mittel, um Schäden am Kanalnetz zu vermeiden. Gleiches gilt für ein langsames Zurückfahren des Pumpendruckes, um ein Herunterfallen der Düse zu verhindern, sowie generell in der Auswahl des HD-Düsenstrahles.

So wie im Instandhaltungsablauf folgte auch auf dem Lindauer Seminar auf die Reinigung die Inspektion und Dokumentation als eigentlicher Themenschwerpunkt dieser Veranstaltung. Auch hier wechselte sich Praxis mit Forschung ab: Im Beitrag über die Erfahrungen in Kassel verwies Herr Bauer auf Datenhandling und Archivierung von Kanal-TV-Dokumentationen. Wie in Zukunft der Datentransfer erfolgt erklärte Dipl.-Ing. Barthauer am Beispiel der ISY-Bau-XML-Schnittstelle. Nachdem aus Sicht der Stadt Kaiserslautern die Umsetzung einer GIS-konformen Kanalinspektion dargestellt worden war, und auch die Stadt Duisburg Ihren Kanalnetzbetrieb auf der Basis eines Geografischen Informationssystems (GIS) erläutert hatte, untersuchte Dipl.-Ing. Karsten Müller von Institut für Siedlungwasserwirtschaft an der RWTH Aachen die Frage, wie moderne, digitalbasierte Bilderkennungsverfahren die Auswertung  der Kanalinspektion beeinflussen. Experimentell bei unterschiedlichen Erkennungsverfahren im Rahmen einer automatisierten Bildauswertung erzielt, lassen laut Müller künftig erhoffen, dass klassische Fehlerquellen der herkömmlichen TV-Inspektion ausgeschaltet werden können. Bei Muffen-Rohrverbindungen als auch für Stutzen und Abzweig ist schon akzeptables Niveau erreicht. Wenig Erfahrung liegt zur Zeit noch bei der Erkennung von Rissen vor. In der Podiumsdiskussion kamen dann auch die Beiträge zu Qualität und Qualitätssicherung nicht zu kurz: Ein Thema, das sicherlich für das 21. Lindauer Seminar am 06. + 07. März 2008 hohen Stellenwert besitzen wird.

Am 2.Tag des Lindauer Seminars wurde am Freitagmorgen erstmals in einem Forum über Innovationen aus der begleitenden Ausstellung referiert. So konnte Dipl-Ing. Externbrink, Lünen, über seine Vorhaben eines PPP-Modells zur Grundstücksinspektion berichten. Dipl.-Ing. Flick vom Fachverband der Steinzeugindustrie informierte die Zuhörer über das neue Muffen - Spachtel - Abdichtungs - Verfahren bei verlegten Steinzeugrohren. Dipl.-Ing. Uwe Weimann referierte über organische Schachtbeschichtungsmaterialien und letztendlich demonstrierte Dipl.-Ing. Ulli Jöckel die  Kanalverlaufsvermessungsverfahren ASYS und die neue digitale Kameratechnologie Spherix, den neuen innovativen Techniken aus dem Hause JT.

Das perfekt organisierte Seminar nahm dann am zweiten Tag seine Fortsetzung mit dem mit dem Thema Kanalsanierung. Dipl.-Ing. Markus Vogel, Kappelrodeck, untersuchte die Auswirkungen der Inspektionsdatenerhebung und -Auswertung nach den neuen Kodier- und Beurteilungsvorgaben von DIN EN 13508 und DWA M 149-2 bzw. DWA M 149-3 auf die Sanierungsplanung und kam zu dem Schluss, dass zur Nutzung der sich aus den neuen Vorgaben ergebenden Möglichkeiten auf allen Seiten noch "Hausaufgaben" zu machen seien. Insbesondere würde für viele Netzbetreiber und Ingenieurbüros die Meßlatte in puncto qualitativ hochwertiger Arbeit noch höher gelegt - nicht nur bisherige individuelle Defizite seien zu beseitigen; zusätzlich müssten künftig noch die präzisierten Kodiervorgaben bewältigt werden. Zudem seien auf allen Seiten in den kommenden Monaten umfangreiche Programmierarbeiten notwendig, um eine sichere Umsetzung der neuen Vorgaben in der Inspektions-Planungspraxis zu gewährleisten. Vor allem aber müßten alle Netzbetreiber umgehend ihre Netzbestandsdaten auf eine sorgfältig durchdachte digitale Plattform bringen.

Aus der Vorgabe der Europanorm EN 752 Teil 2, dass Kanalsanierungskonzepte "ganzheitlich" angelegt sein müssen, resultiert zwingend die Forderung, dass Hausanschlussleitungen in die Sanierungskonzepte für den öffentlichen Leitungsbestand einbezogen sein müssen. Die Praxis sieht leider meist anders aus. Die meisten Sanierungskonzepte werden nach wie vor ohne jede Erkenntnis und Information zum Zustand der Anschlussleitungen entwickelt. Wie man trotz solcher Defizite auf der Grundlage einer realistischen Risikoeinschätzung zu akzeptablen Sanierungsentscheidungen gelangen kann, erläuterte Dr.-Ing. Martin Wolf, München.

Einen umfassenden Ausblick in die absehbare technologische Zukunft der Kanalsanierung bot zum Abschluss des zweiten Veranstaltungstages Prof. Volker Wagner von der Fachhochschule Neubrandenburg. Die insgesamt 23 Fachvorträge wurden durch eine an die Grenzen des Foyers der Lindauer Inselhalle ragende Begleitausstellung und durch den Tag der offenen Tür abgerundet, zu dem Veranstalter JT-elektronik auf sein Lindauer Werksgelände einlud.

Hier konnten sich die Fachleute aus dem in und Ausland ein live-Bild von den aktuellen Innovationen der JT-elektronik im Bereich der Hauptkanal- und Hausanschlussinspektion machen.

Kontakt:
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88131 Lindau/Bodensee
Tel: 08382 96736-0
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